Das Künstler-MANIFEST zum 25. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl PDF Drucken E-Mail

Dieses Manifest darf weitergegeben und von jedem unterschrieben werden!

Seit mehr als 24 Jahren kehrt mit den Sonnenstrahlen des Frühlings die Erinnerung an ein besonderes Strahlenereignis zurück: die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat ihre Spuren in die Geschichte gebrannt wie kein zweiter technischer Unfall, weit über Europa hinaus und Generationen an Zeit umfassend.
Sie ist ein Mahnmal, das wir im 25. Jahr ganz besonders würdigen.


Wir, als Künstler, Betroffene, Mitfühlende und Mitdenkende, erklären deshalb die Zone von Tschernobyl, den Sarkophag und die Geisterstadt Pripjat zu einem unwiederholbaren und unverwechselbaren Kunstwerk. Tschernobyl ist tief in der europäischen Geschichte und dem Bewusstsein der Menschen verankert und verdient den Schutz durch die UNESCO als “Erbe der Menschheit”. Das Leiden, das mit dem Unglück in die Welt kam, braucht jetzt einen Ausdrucksort, damit es greifbar und hörbar wird. Mit den Mitteln der Kunst wollen wir einen solchen metaphorischen Ort des Erinnerns schaffen.


Wir wünschen uns von der UNESCO, neben dem Welt-Natur- und Welt-Kultur-Erbe die Institution des Welt-Mahn-Erbes zu schaffen und die verbotene Zone um Tschernobyl und die Stadt Hiroshima zu den ersten solcher Mahnmale der Menschheit zu erklären. Wir denken an die Seelen der Verstorbenen, an die in Zinksärgen begrabenen Feuerwehrleute, die Hubschrauberpiloten, die Helfer der ersten Stunden genauso wie an die zahlreichen Liquidatoren, die sich beim Aufräumen in der Zone verstrahlten und deren Leben oft schneller und einsamer zu Ende ging als sie je gedacht hätten. Wir denken an die Kinder, die schon im Mutterleib verdorrten und an alle, die um ihr Leben kämpften - und verloren. Geben wir ihnen Würde und Anerkennung.

Wir denken an die Menschen, die heute und in Zukunft betroffen sind, weil ihre Körper empfindlich auf Radioaktivität reagieren. Geben wir ihnen unsere Solidarität und unser Mitgefühl. Trauern wir mit ihnen um die verlorene Heimat, um ihre verlorenen Lieben, ihre verlorene Gesundheit. Soll unsere Trauer und unser Mitgefühl ihnen helfen, das Trauma dieses Unfalls zu überwinden und wieder in die Kraft zu finden, sich kommenden Herausforderungen zu stellen.


Wir wollen aus dem Ereignis lernen. So betrachten wir Tschernobyl als ein Zeichen für Veränderung und als Auftrag an zukünftige Generationen. Kinder, die in die unsichtbare Strahlung hineingeboren wurden und werden, haben ein Recht auf Wissen. Zu wissen, warum ihre Körper angegriffen oder versehrt sind, warum sie vielleicht selbst keine Kinder haben oder früher als andere sterben werden. Für sie sollen Botschafter in der ganzen Welt unterwegs sein auf der Suche nach Antworten auf ihre Fragen.


Warum sollen wir mit der Ausbreitung radioaktiver Stoffe in unseren Lebensräumen und in unseren Körpern den Preis für eine überholte Technik und ein veraltetes Denken bezahlen? Wir werden nicht akzeptieren, dass eine Technologie und die dahinter stehenden Menschen die Macht besitzen, mit einem einzigen Fehlschlag das Leben so vieler Menschen zu zerstören.

Der Reaktorbrand von Tschernobyl ist mehr als ein Ende, er ist auch der Anfang einer neuen Zeit, die auf die lebensspendende Energie der Sonne vertraut. Die kommenden Generationen werden ihre Ideen und ihre Vernetzung in der Welt nutzen, um zu vollenden, was damals begann.

Wir unterstützen das kollektive Erschaffen einer Energie-Skulptur im globalen Web als weltweites Zeichen zur Überwindung der Angst und ihre feierliche Eröffnung zum Jahrestag 2011. Sie symbolisiert die Genialität und Kreativität eines Jeden und die Stärke, die daraus im Verbund mit Anderen entsteht. Dies soll genutzt werden, mit der Kraft der Kunst und der Musik die Stille zu füllen, die seit dem Auszug der Menschen die Geisterstadt Pripyat durchweht. Wir wünschen uns ein Tschernobyl–Memorial als interaktives Archiv im sozialen Web, in dem Begegnung von Menschen mit Geschichte und Gegenwart und ein Lernen für die Zukunft möglich wird.


Nutzen wir die Zeit bis zum 25. Jahrestag und darüber hinaus für einen beherzten Schritt aus dem Dunkel an das Licht, wie es der antike Philosoph Plato in seinem Höhlengleichnis vorgedacht hat. Und gebe uns die Kunst die Kraft und den Mut, das Undenkbare denkbar und das Unbekannte bekannt zu machen.

Diese Menschen - und viele mehr - haben schon unterschrieben:

• Joerg Altekruse, Hamburg sowie: • Chico Whitaker, Weltsozialforum, Brasilien
• Hans Geißendörfer, Regisseur • Sulak Sivaraksa, Philosoph, Thailand
• Peter Junge-Wentrup, Geschäftsführer ibb • Wim Wenders, Regisseur
• Jürgen Streich, Journalist • Orlando Lübbert, Filmemacher, Santiago
de Chile • Alyn Ware, Abrüstungsaktivist, New York • Monika Griefahn, Ökologin
• Felicia Langer, Menschenrechtsanwältin, Israel • Jakob von Uexkuell, social entrepreneur,
London • Grobschnitt, Rockgruppe • Klaas Jarchow, Verleger • Roland
Schön, Unternehmercoach • Zafrullah Chowdhuny, Arzt, Bangladesh • Rüdiger
Penthin, Autor • Birsel Lemke, Naturschützerin, Istambul • Gundula Bahro, Publizistin
• Willfrid Knees, Pastor • Anne Rüffer, Verlegerin, Zürich • Prof. Alphonse
Sauer, Konzertpianist • Gert Grünert, Lyriker • Julia Owtscharenko, Kulturmanagerin,
Dniepopetrowsk • Elisabeth Kann, Vorstand • Declan und Margrit Kennedy, Architekten
• Hannelore Uka, Beraterin • Margitta Holler, Bildungsberaterin • Georg
Janßen, Maler • Dagmar Altekruse, Historikerin • Mario Gagliardi, Designer, Wien
• Prof. Raul Montenegro, Biologe, Buenos Aires • Asmund Brovig, Kameramann,
Oslo • Stephan Kohler, Geschäftsführer dena • Rosalie Bertell, Strahlen-Expertin,
Kanada • Hans Hausmann, Produzent • Reinhard Kuchenmüller, Architekt • Marianne
Stifel, visuelle protokolle • Beate Kortenkamp, Sängerin • Irinell Ruf, Choreografin
• Frank Schätzing, Autor • Juriy Fedorenko, Orchesterleiter, Kiev • Alla
Yaroshinskaja, Autorin, Moskau; u.v.m.